Anton
Kenner
Lungauer Sagenillustrator
& Schöpfer des Christophorus-Freskos
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Anton Josef Ritter von Kenner wurde am 11. September 1871 in Brunn am Gebirge bei Wien geboren. Sein Vater war als Sektionschef im Finanzministerium tätig und seinen Kindern, wie es im Lebenslauf (1) des Künstlers heißt, "ein Inbegriff der Ordnung, Umsicht und Wohlgesittung". Die Mutter, geborene Schimasko, schildert er als "die Freundlichkeit selbst, blond, schönaugig, vollschlank und weich von Haut und wunderbar feinen Gesichtszügen." Die Familie besaß ein 1846 erbautes, dreistöckiges Haus in der Wiener Josefstadt. Anton J. Kenner absolvierte das Stiftsgymnasium in Seitenstetten, das für seine vorzügliche Ausbildung wie die asketisch-strenge Gestaltung des Schulalltags gleichermaßen berühmt war. Anton Kenner, der das künstlerische Talent des Sohnes früh erkannte, verschaffte diesem bereits in jungen Jahren Privatunterricht beim Landschafts- und Blumenmaler Heinrich Schubert, einem Neffen des Komponisten Franz Schubert, mit dem bereits der Großvater von Anton Kenners Vater, Josef Johann Baptist Kenner, in geselligem Verkehr gestanden hatte. Nach Ablegung der Matura sollte Anton Kenner neben dem Kunststudium zwei Semester Jus belegen. "Andererseits", so schreibt er in seinen Aufzeichnungen, "war es für mich schon lange eine ausgemachte Sache, nur der Malerei zu leben." Von 1890 bis 1897 absolvierte er seine Ausbildung an der Wiener Kunstgewerbeschule (aus der später die Hochschule für angewandte Kunst hervorging) und wurde noch während seiner Studienzeit als Assistent für das Fach Stilkunde eingestellt und 1896 zum Dozenten dieses Faches erhoben. Seine Lehrer waren zunächst Ludwig Minnigerode und ab 1893 Franz von Matsch, der mit den Brüdern Gustav und Georg Klimt eine Ateliergemeinschaft unterhielt. In dem künstlerisch anregenden Umfeld der Wiener Sezessionsbewegung, der sich Anton Kenner durch viele persönliche Kontakte verbunden fühlte, war er als Emailleur, Keramiker, Illustrator, Landschafter, Marionettenkünstler und Literat tätig. Es entstand eine Fülle von Arbeiten, die das breite Spektrum von Kenners Interessen und Begabungen widerspiegeln. Im Grundtenor seiner Werke blieb er jedoch der Romantik eines E. T. A. Hoffmann und Moritz von Schwind verpflichtet, den zwei wohl bedeutendsten künstlerischen Bezugsfiguren Anton Kenners. Damit ist einerseits das Märchenhafte, Unheimliche, Skurrile und Spukhafte der romantischen Geisteswelt erfasst, aber auch die romantische Idealisierung der spätmittelalterlichen Kultur, die vor allem in Kenners späteren Jahren zum dominanten Stilmerkmal seiner Arbeiten wird. Die Aufbruchsstimmung der Moderne, wie sie durch die Sezessionsbewegung ausgelöst wurde, hat Anton Kenner im Umgang mit seinen Kollegen und Schülern, darunter waren auch Oskar Kokoschka und Anton Kolig, mit Interesse aufgenommen, aber sein eigenes Schaffen wurde davon nicht tiefer berührt. Mit der wachsenden Entfremdung von den gesellschaftlich-politischen Tendenzen der Kriegs- und Zwischenkriegsjahre wurde die "künstlerische Weltflucht" seiner historisierenden Stilrichtung als willkommene Abschottung gegenüber einer als abgründig erfahrenen Gegenwart fortgeführt. Das reiche historische Wissen Anton Kenners und seine profunde Beherrschung traditioneller Stilrichtungen mögen diese Entwicklung zusätzlich begünstigt haben. Anton Kenner schuf großformatige dekorative Arbeiten für den Damensalon im Palais Dumba (1902), die Mosaiken für das damals legendäre Wiener Dianabad (1916), plastische Entwürfe zu Raumausstattungen, aber auch Keramiken, Aquarelle und Illustrationen, die sich häufig kritisch und immer leicht spöttisch auf den unerfreulichen politischen und wirtschaftlichen Alltag bezogen. Anton Kenner, der geschätzte Lehrer für Stilkunde, fühlte sich selbst keinem Stil verpflichtet, sondern sah sich als "Künstler für sich selbst", der sich weder dem Diktat des Publikumsgeschmacks noch dem der Kritik ganz beugen wollte. Sein Werk spiegelt vielmehr die Vielseitigkeit seiner Begabungen und einen spielerischen Umgang mit unterschiedlichen Stilepochen auf der Grundlage seines reichen historischen Wissens.
Der Lungau als Feriendomizil der Familie Kenner Der langjährige Ferienort von Anton Kenners Kindheits- und Jugendjahren war Nussdorf am Attersee gewesen. Über seine Frau Berta, geborene Tragau, die er 1909 geehelicht hatte, stellte sich die Verbindung zum Lungau her. Mauterndorf sollte von 1931 bis knapp vor dem Tod Kenners am 1. Mai 1951 oft aufgesuchter Erholungsort in wirtschaftlichen Notzeiten werden. Der Vater von Anton Kenners Frau Berta Tragau, die er als Studentin an der Kunstgewerbeschule unterrichtet hatte, der Hauptmann Franz Tragau, war ein gebürtiger Lungauer gewesen. Im Mai 1931 machte sich Berta auf die Suche nach einer geeigneten Unterkunft für die kommenden Sommermonate und kam deswegen zusammen mit ihrer Tochter Hedwig (der späteren Archäologin und Leiterin der Ausgrabungen am Magdalensberg in Kärnten) mit der Murtalbahn nach Mauterndorf. Dort trafen sie am Bahnhof auf einen ehemaligen Schüler Anton Kenners, B. Taferner. Dieser war ihnen bei der Wohnungssuche behilflich und vermittelte sie an die Schusterleute Mally, "woselbst man uns auf zwei Zimmern unterbrachte und ausserdem durch Abtretung der eigenen kleinen Küche die vordringlichste Forderung unseres Sommeraufenthaltes befriedigte". Anton Kenners Aufzeichnungen über diese Mauterndorfer Sommerfrische gewähren neben den biografischen Aufschlüssen auch interessante Einblicke in die Anfangszeiten des Lungauer Tourismus. Es heißt dort weiter: "War nun auch die Unterkunft in dem großen alten Steinhause (Mally), das noch dazu infolge seiner Bewohntheit durch eine große Familie und die anschließende Wirtschaft nicht so ruhig als es erwünscht gewesen wäre, keine ideale, so war doch wieder die Biederkeit und das freundliche Entgegenkommen der Vermieter für manches, was hatte besser sein mögen, entschädigend. Und das mag auch ferner der Hauptgrund gewesen sein, diesen Ort immer wieder aufzusuchen. Im Verlaufe einiger Sommer wurde dann durch unsern Einfluss vieles an den Wohnverhältnissen gebessert, sodass wir schließlich in drei Zimmern mit Küche artig genug lebten. Nur ein Übelstand war nicht abzustellen: die eben allen alten Steinhäusern dieser hochgelegenen Gegend anhaftende Kälte der Räume. Es war so recht eigentlich eine Sommerfrische. Die meisten Sommer, die wir dort verbrachten, waren an sich keine strahlenden. Immerhin aber, Regenwetter von jener unerbittlichen Dauerhaftigkeit, die dem Salzkammergut eignet, das gab es da nicht; ja, es gab nicht einmal ganz verregnete Tage. Eine Annehmlichkeit, die wir besonders nach den ganz verregneten Ausseer Sommern höchst annehmbar fanden. Und noch ein anderer Umstand mag zu unsern dauernden Sommeraufenthalten in Mauterndorf beigetragen haben: die unberührte und so abwechslungsreiche Gegend, in der Hochgebirge, Hügelland und Fläche sich in entzückender Weise verbindet. Und auch die Menschen trugen dazu bei. Es gibt natürlich auch Besucher Mauterndorfs, die an der bodenständigen Bevölkerung kein gutes Haar lassen; sie mögen ihre Erfahrungen gemacht haben; wir kamen uns nach den Besuchen von Seeboden, Traunkirchen, Annenheim und Aussee in Mauterndorf keineswegs misshandelt vor: es ist eben alles relativ. Schon unsere Hausleute waren in ihrer Einfachheit erquickend und ihr geräuschvolles, aber immer tätiges Familienleben schließlich weniger störend als erheiternd. Es war zwar schon die Zeit vorüber, wo der Pater familias mit sechs Gesellen am Schusterstuhl werkte und mit diesen und Frau und 12 Kindern das alte, von einem Backer erworbene Haus bevölkerte; nun waren es nur mehr etwa. Zählen konnte man sie eben so wenig wie die auf dem Hof herumgehenden Hühner - ihrer 12 Personen. Auch das war genug. Wahrscheinlich wäre auch der Vater Mally auf den Gedanken, Räume seines Hauses an Sommergaste zu vermieten, nie gekommen, wenn ihn nicht die Beratungen in der Gemeindestube dazu ermuntert hätten."
Das Österreich der "Schuschnigg-Jahre" erlebte Anton Kenner, nunmehr pensionierter Professor der Wiener Kunstgewerbeschule, als "einerseits dörfisch verkümmert, andererseits bettelhaft verarmt". Diese Notzeiten ließen den wiederholten Rückzug aufs Land zusätzlich zweckmäßig erscheinen. 1939 ergab sich die Übersiedlung in ein Quartier, das nach etlichen Adaptierungsmaßnahmen vergleichsweise geräumig und komfortabel war. Michael Dengg, der Sagensammler und Kenner des Lungauer Volkslebens, hatte ihnen den oberen Stock seines neu erbauten Hauses als Sommerquartier angeboten: "Wir siedelten aus dem Hause des Schusters Mally in den Neubau des Michael Dengg in Ledermoos über. Es hatte weitlaufiger Abmachungen und ungewöhnlicher Pläne bedurft, soweit zu kommen. Das Denggsche Haus, auf dessen Mansardenstock Berta ihr Augenmerk schon seit zwei Jahren gerichtet hatte, war nämlich auch im März des Jahres 1939 noch immer nicht ganz fertig. Besonders mangelte es noch an Fußbodenbrettern, und der Michael wollte es auch gar nicht eilig machen, weil - ja nun, weil er ohnehin keine Einrichtung für den Oberstock besaß.
Er hatte Mühe genug gehabt, sich unten einzurichten; jetzt war das Geld zu Ende und mehr als dies. Wie hatte er da streben sollen, mit den Räumen sich weiter zu plagen: mochten sie noch einige Zeit so liegen, wie sie waren, ihm war es nicht eilig. Hier umstimmend zu wirken war schwer; dennoch gelang es. Es wurde in langatmigen Vorbesprechungen, Briefen und vermittelnden Anmahnungen Ortskundiger endlich doch klargelegt, dass es unter allen Umständen gewinnbringender für den Hausbesitzer wäre, die Wohnung zum Beziehen im Sommer fertigzustellen, weil dann wenigstens die Möglichkeit vorhanden wäre, das notwendigste Möbelwerk aus Wien nach Mauterndorf zu verfrachten, um damit schlecht und recht das Auslangen zu finden. So wurde die erste große Schwierigkeit überwunden. Und wie dies meist bei solchen Unternehmungen der Fall ist, kamen zu den zugeflogenen Tauben noch andere Tauben hinzu: es fanden sich im Gerümpel des Holzschupfens alte Bauernkästen und Teile einer Bettstatt, die dann im Verlaufe des Sommers vom Schreiner wieder instandgesetzt und von mir frisch bemalt, bald den Räumen zur Zierde gereichten und die Lust des Hausbesitzers nach ähnlichem Hausrate anregten, den er da und dort bei Nachbarn auf den Speichern fand und um ein Geringes käuflich an sich brachte." 1942, bereits unter den bedrückenden Verhältnissen des Zweiten Weltkrieges, entstand, möglicherweise in Zusammenhang mit Anton Kenners Aquarellzyklus zu den Lungauer Sagen, eine weitere märchenhafte Erzählung mit dem Titel "Irtogast", die von Kobolden und seltsamen Fabelwesen handelt. 1944 entstand als letzte literarische Arbeit "Wohnung und Erinnerung". Sie ist als Spaziergang durch Anton Kenners Wiener Wohnung mit ihren erlesenen Familienstücken an Mobiliar und Ausstattung angelegt und beschreibt so die Geschichte der bürgerlichen Kultur und ihres Niedergangs. Aus dem zunächst etwas antiquiert und förmlich wirkenden Text, mit dem Kenner Rückschau halt auf seine Herkunft und ihre besonderen Rahmenbedingungen, erhebt sich allmählich das Wunschbild einer "heilen Welt von gestern" Zweigscher Prägung. Am 1. Mai 1951 starb Anton Kenner in Wien. (1) Die eingesehenen Unterlagen befinden sich im NL Anton Kenner, Oskar-Kokoschka-Zentrum der Universität für angewandte Kunst, Wien. |
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